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Wenn es warm wird, da in der Herzgegend, und weit, wenn die Augen wie gebannt auf den Musiker gerichtet sind, wenn dieser Klang niemals aufhören darf, man selbst ganz darin aufgeht – dann ist die Fichte im Spiel. Buchstäblich. Kaum ein Holz ist so eng mit Musik verbunden wie die Fichte. Seit Jahrhunderten bildet sie das akustische Herz vieler Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente. Dass ausgerechnet europäische Gebirge wie die Alpen – und damit auch Österreich mit seinen hochgelegenen bewirtschafteten Fichtenwäldern –, eine zentrale Rolle als Herkunftsregion spielen, ist kein Zufall. Klima, Höhenlage, Wuchsbedingungen und forstliches Wissen greifen hier so ineinander, dass aus einem Baum ein Resonanzkörper von außergewöhnlicher Qualität entstehen kann.
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Warum die Fichte klingt
Vorab: Vom Ahorn über den Birnbaum, die Esche und die Linde eignen sich die Hölzer vieler heimischer Baumarten als Klangholz für den Instrumentenbau.
Die Fichte (Picea abies) jedoch vereint Eigenschaften, die dafür entscheidend sind: ein geringes Gewicht bei gleichzeitig hoher Festigkeit, dazu eine gleichmäßige Zellstruktur und eine ausgezeichnete Schall-Leitfähigkeit. Nur ein kleiner Ausflug in die Physik: Besonders wichtig ist das Verhältnis von Dichte zu Elastizität. Bei möglichst geringer Rohdichte sollte das Elastizitätsmodul groß sein, damit das Holz sich leicht in Schwingung versetzen lässt. Die Nadelhölzer, allen voran die Fichte, entsprechen diesen Forderungen ungleich besser als Laubhölzer.
Für Klangholz zählt jedoch nicht „die Fichte“ im Allgemeinen, sondern eine sehr kleine Auswahl außergewöhnlicher Bäume. Es sind Bäume mit langsamem Wuchs, enge und gleichmäßige Jahresringe (bei einer Geige maximal 2 mm, bei einem Cello bis zu 4 mm Breite), ein gerader, astfreier Stamm und ein möglichst spannungsfreier Holzaufbau. Diese Voraussetzungen finden sich vor allem in hochgelegenen, kühlen Regionen mit kurzen Vegetationsperioden.
Österreich als Herkunftsland für Resonanzholz
In Österreich gibt es einige dieser idealen Standorte. Hochalpine Lagen in Tirol, Salzburg, der Steiermark oder Kärnten bieten kühle Temperaturen, lange Winter und nährstoffarme Böden. Unter diesen Bedingungen wachsen die Bäume langsamer, ihre Holzstruktur ist feiner. Die günstigste Höhenlage hängt vom Klima und von der Topografie ab: In den italienischen Südalpen liegt sie zwischen 1.000 und 1.300 m, in Oberbayern und den Nordalpen zwischen 800 und 1.300 m, wobei geeignete Standorte bereits ab 600 bis 700 m beginnen können. Für besonders hochwertiges Klangholz suchen Spezialisten in Höhenlagen zwischen 1.300 und 2.000 m.
Fichten, die dort wachsen, benötigen oft 150 bis 250 Jahre, um die Dimensionen zu erreichen, die für Klangholz interessant sind; als ideal gilt ein Alter von etwa 250 Jahren. Für bestimmte Instrumente wie Gitarren oder Celli werden Stammdurchmesser von mindestens 45 bis 60 cm benötigt, was einem entsprechend hohen Baumalter entspricht.
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Kalzium, Aluminium, Pottasche: Auch die Chemie spielte mit
Historisch galt besonders das alpine Gebiet des Fleimstals (Trentino-Südtirol) als Quelle herausragender Resonanzfichten. Antonio Stradivari, dessen Instrumente bis heute als klanglicher Maßstab gelten, bezog sein Fichtenholz nachweislich aus dem Wald von Paneveggio, der heute als Geigenwald (Foresta dei violini) bekannt ist.
Auch angrenzende Alpenregionen in Tirol und Südtirol, beispielsweise der Wald in der Region Latemar, sind für ihre Haselfichten bekannt. Neuere internationale Forschungen des Paul-Scherrer-Instituts in der Schweiz (2021) zeigen: Stradivari und Guarneri del Gesù haben ihr Holz zusätzlich chemisch behandelt, z.B. mit Pottasche, Aluminium, Alaun oder Kochsalz. Damit konnten sie die Klangeigenschaften weiter verbessern.
Wann und wie wird Klangholz geschlagen?
Der Zeitpunkt der Schlägerung ist entscheidend. Klangholz wird traditionell im Winter geerntet, vor allem zwischen Dezember und Februar. In dieser Zeit ruht der Saftstrom, der Wassergehalt im Holz ist geringer, und die Gefahr von Pilzbefall oder Verfärbungen sinkt. Historische Vorschriften aus dem Mittelalter belegen, dass Holz vom Dezember bis einschließlich Februar geschlägert werden musste. Zudem lassen sich Stämme bei gefrorenem Boden bodenschonend rücken, was die Holzqualität zusätzlich schützt.
Weiter schwören einige Instrumentenbauer ebenso wie Musiker auf das sogenannte Mondholz. Es stammt von Bäumen, die im Winter bei abnehmendem Mond oder nahe des Holzmonds geschlagen werden. Cellist Nils-Christian Engel beschreibt es auf violinorum.com so: „Dahinter verbirgt sich nicht viel mehr und nicht viel weniger als eine traditionelle Form der Ernte, nach der Klanghölzer nur in der Zeit von Oktober bis Januar und nur in der Woche vor Neumond geschlagen werden sollte. In dieser Phase enthält der Stamm am wenigsten Wasser, was der Steifigkeit des Materials zugute kommt.“
Fichten: 1 Prozent der Bäume genügen den Anforderungen für Klangholz
Der Winter ist für das Schlagen jedenfalls Voraussetzung, die sorgfältige Auswahl des Baums der eigentliche Schlüssel. Für Klangholz werden einzelne Bäume ausgewählt, beurteilt, vorgemerkt, manchmal über Generationen einer Familie hinweg beobachtet. Förster:innen und spezialisierte Holzhändler:innen beurteilen Wuchsform, Jahrringbild, Faserverlauf und Spannungsfreiheit bereits am stehenden Baum. Nur ein sehr kleiner Teil der Fichten eines Bestandes erfüllt die strengen Kriterien: In den besten Wäldern des schweizerischen und französischen Juras oder der Alpen ist es bereits ein gutes Resultat, wenn 1 % der Fichtenstämme den Anforderungen der Klangholzhändler genügen.
Nach der Schlägerung folgt eine lange Phase der natürlichen Trocknung. Resonanzholz wird nicht künstlich getrocknet, sondern mehrere Jahre, oft Jahrzehnte, an der Luft gelagert, um sicherzugehen, dass möglichst alle Spannungen im Holz abgebaut worden sind.
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Für welche Instrumente wird Fichtenklangholz verwendet?
Die Fichte ist das klassische Deckenholz vieler Instrumente. Nicht nur beim Klang der Violine oder der Gitarre ist sie „tonangebend“. Auch bei anderen Instrumenten mit Resonanzkörper ist sie das Holz erster Wahl: Klavier, Cembalo, Bratsche, Cello, Kontrabass, Hackbrett, Harfe, Zither sowie bestimmte Orgelpfeifen.
Bei Streichinstrumenten bildet die Fichtendecke den zentralen Klangkörper; Boden, Zargen und Hals bestehen hingegen aus Bergahorn. Tasteninstrumente wie Klaviere und Cembali besitzen zur Klangverstärkung einen Resonanzboden aus Fichte, der aus mehreren Lamellen zusammengesetzt wird. In all diesen Fällen entscheidet die Qualität der Fichte maßgeblich über Ansprache, Tragfähigkeit und Klangfarbe des Instruments.
Klangholz zwischen Tradition und Zukunft
Heute steht die Fichte als Klangholz vor neuen Herausforderungen: Der Klimawandel verändert Wachstumsbedingungen, erhöht Trockenstress und Schädlingsdruck. Langsam gewachsene Hochlagenfichten werden seltener, geeignete Standorte verschieben sich.
In Österreich arbeiten Forstwirtschaft, Holzhändler und Instrumentenbauer deshalb zunehmend enger zusammen, um potenzielle Klangholzbäume frühzeitig zu erkennen und langfristig zu sichern. In Tirol beispielsweise wurde bereits 2003 der Verein Forum Haselfichte gegründet, der altes Wissen sammelt und Vorkommen schützt. 2011 wurde dieses Wissen von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Mit einem Anteil von rund 60 % am österreichischen Ertragswald ist die Fichte die wichtigste heimische Baumart. Klangholz zeigt exemplarisch, welches Potenzial in einer differenzierten Holznutzung liegt: hohe Wertschöpfung bei minimalem Volumen und jeder Ton, der aus einer Geige oder einem Klavier erklingt, trägt die Geschichte eines Baumes in sich. Und des Waldes, der nachhaltig bewirtschaftet wird.
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