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Das Ende des fossilen Zeitalters rückt näher

Ein Fachbeitrag von Kasimir Nemestothy, Josef Siffert, LK Österreich

Die Klima- und Energiestrategie soll Grundlage für das Handeln der Bundesregierung sein. Für Ministerin Köstinger ist sie aber kein abgeschlossener Maßnahmen-Katalog, sondern ein Prozess, an dem jeder mitarbeiten soll.

„Die Klima- und Energiestrategie ist ein Bekenntnis der Bundesregierung zu den Zielen des Pariser Abkommens und den EU-Zielen bis 2030“. Mit diesen Worten präsentierte Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger Anfang April die österreichische Klima- und Energiestrategie. Für Köstinger ist sie eine „Strategie mit Hausverstand, die Klimaschutz und Wirtschaft nicht ausspielt, sondern zusammenbringt.“

Die Bundesregierung setzt noch stärker als bisher auf erneuerbare Energie. Köstinger: „Das Ziel ist es, beim Gesamtenergiebedarf den Anteil erneuerbarer Träger von derzeit 33 Prozent auf 45 bis 50 Prozent anzuheben. Und beim Strom wollen wir 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern gewinnen. Ein wichtiger Schritt ist auch, dass 100.000-Dächer-Programm für Photovoltaik-Anlagen, das rasch umgesetzt wird.“ Ihre Vorstellung: „Jedes Haus soll ein kleines Kraftwerk werden. Es muss möglich sein, dass jeder Häuslbauer den Strom, den er braucht, selbst herstellen kann.“ Da jedoch Sonnenstrom nicht immer dann gebraucht wird, wenn er erzeugt wird, muss er gespeichert werden. Das soll dezentral und in vielen kleinen Einheiten passieren. Köstinger: „Das Ziel ist es, 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energieträgern zu gewinnen. Und beim Gesamtenergiebedarf wollen wir den Anteil erneuerbarer Träger von derzeit 35 Prozent auf 45 bis 50 Prozent anheben.“

Eine ganz wichtige Maßnahme wird der Ausstieg aus Ölheizungen sein. Ab 2020 sollen im Neubau keine neuen Ölheizungs-Anlagen mehr installiert werden. Ab 2025 beginnt der schrittweise Ausstieg aus den bestehenden 700.000 Anlagen, zuerst bei den ältesten und schmutzigsten Anlagen. So können bei einer Umstellung der Ölheizungen auf Heizungssysteme auf Basis erneuerbarer Energie bis 2030 gut 2 Mio. Tonnen CO2 gegenüber dem heutigen Stand eingespart werden.

Aktiver Klimaschutz wird auch Wirtschaft und Innovation stimulieren. Köstinger: „Das bedeutet, dass Österreich die Energieeffizienz steigern muss. Wir werden daher eine Offensive für thermische Sanierungen starten. Dort ist viel zu holen, denn Raumwärme zählt einerseits zu den größten Verursachern von Emissionen und ist andererseits der Bereich, wo eine Reduktion des Energieaufwands mit einfachen Maßnahmen möglich ist.“

LK-Österreich-Präsident Hermann Schultes begrüßte die vorgestellte Strategie und sicherte Ministerin Elisabeth Köstinger die volle Unterstützung der Landwirtschaftskammern zu. Schultes wörtlich: „Der Klimawandel ist längst Wirklichkeit. Die Pariser Klima-Beschlüsse, die den Umbau unseres Energiesystems in Richtung erneuerbar und nachhaltig zum Ziel haben, sind rechtsverbindlich. Wer diese frühzeitig, mit voller Kraft und voller Ernsthaftigkeit umsetzt, hat technologisch die Nase vorn und kann so Wertschöpfung ernten. Denn Ernsthaftigkeit mobilisiert Innovation. Die vorgestellte integrierte Klima- und Energiestrategie ist der Startschuss dafür. Österreich kann auf diese Weise die Klima- und Energiezukunft meistern und als Technologie-Führer weltweit erfolgreich sein.“

„Die klare Ansage von Ministerin Köstinger, die Heizölverbrennung so schnell wie möglich zu beenden, ist ein besonders wichtiger Schritt. Heizöl ist technisch gesehen nur gefärbter Diesel. Dieselverbrennung zur Wärmeerzeugung im Keller im Ausmaß von ca. 1.3 Milliarden Litern pro Jahr ist längst nicht mehr zeitgemäß. Wer sagt, das geht nicht, argumentiert wie jemand, der eine Telefonzelle zum Telefonieren sucht. Heizölkessel sind technisch auf dem Niveau von Telefonzellen. Sie sind Retrotechnologie und überflüssig. Es gibt mittlerweile eine ganze Palette umweltfreundlicher Wärmetechnologien, mit denen Heizöl kostengünstig ersetzt werden kann, wie vollautomatische Hackgut- bzw. Pellets-Systeme, bei denen österreichische Betriebe die internationale Technologieführerschaft haben. Dieselverbrennen trägt außerdem zur Dieselknappheit bei und verteuert den Verkehr“, so Schultes dazu.

„Im Wald führt der Klimawandel zur rasanten Insektenvermehrung. Schadkäfer zerstören ganze Waldgebiete, das geschädigte Holz kann nur noch für Strom- oder Wärmeproduktion sinnvoll eingesetzt werden. Auch deshalb müssen die Ökostromanlagen weiterbestehen. Daher muss rechtzeitig eine Lösung für den Weiterbetrieb der Holzkraftwerke im Rahmen des Ökostromregimes  gefunden werden. Die Einspeisetarifverträge der meisten Holzkraftwerke laufen zwischen 2018 und 2020 aus. Nachfolgetarifregelungen sind dringendst notwendig“, so Schultes weiter, der daran erinnerte, dass biogene Energieträger den wichtigsten Beitrag im Portfolio der erneuerbaren Energie leisten.

Die Klima- und Energiestrategie ist aus Sicht von Köstinger kein abgeschlossener Maßnahmen-Katalog, sondern ein Prozess, an dem jeder mitarbeiten soll. „Wir laden alle Österreicherinnen und Österreicher dazu ein, Ideen einzubringen. Klimaschutz wird nur dann gelingen, wenn er nicht nur ein Regierungsprojekt ist. Es muss ein Anliegen aller Menschen sein“, so Köstingers Einladung. Die Klima- und Energiestrategie findet man hier #mission2030

 

 

FAKTEN

 

WAS IST DIE INTEGRIERTE KLIMA- UND ENERGIESTRATEGIE?

Die Umsetzung des Pariser Klimaschutzvertrages bedingt den vollständigen Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft (Dekarbonisierung) bis 2050. Die Klima- und Energiestrategie bekräftigt die positive Positionierung Österreichs zu internationalen Klimaschutzabkommen und soll Orientierung für alle Handlungsfelder und Investitionen bis 2030 geben. Das Dokument beschreibt die Ausgangssituation in Österreich, die Zielsetzungen für ein klimaverträgliches Wirtschaftssystem sowie den Handlungsbedarf zur Zielerreichung und legt konkrete „Leuchtturmprojekte“ fest, die zeitnah umgesetzt werden müssen. Die tatsächliche Umsetzung der Strategie soll mit einem laufenden Monitoringprozess und einer umfassenden Evaluierung sichergestellt werden.

 

ENERGIE- UND KLIMAPAKET DER EU GIBT RAHMEN VOR

Die Klima- und Energiestrategie steht im direkten Zusammenhang mit dem Energie- & Klimapaket der EU. Im Rahmen der Vorgaben zur „Energieunion“ müssen die Mitgliedstaaten innerhalb relativ kurzer Fristen „detaillierte Klima- und Energiepläne“ an die Kommission übermitteln. Die energierelevanten Richtlinien und Verordnungsentwürfe befinden sich derzeit aber noch in den Trilogverhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat und sollten voraussichtlich während der Ratspräsidentschaft Österreichs im 2. Halbjahr 2018 abgeschlossen werden.

 

STEIGENDE NACHFRAGE, REDUKTION BEI TREIBHAUSGASEN

Die besonderen Herausforderungen der Land- und Forstwirtschaft als produzierender Sektor müssen in der Klima- und Energiestrategie entsprechend berücksichtigt werden. Einerseits bedingt das Bevölkerungswachstum eine steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln bzw. leistet der Sektor mit nachwachsenden Rohstoffen die Basis für die Bioökonomie sowie den größten Beitrag zur Energiewende, andererseits sollen die Treibhausgas-Emissionen auch in der Landwirtschaft reduziert werden sowie die besonderen Funktionen als Kohlenstoffsenke verstärkt aktiviert werden. Auf die richtige Zuordnung und Anerkennung der vom Land- und Forstwirtschaftssektor für alle anderen Sektoren (Industrie, Verkehr, Gebäude, etc.) erbrachten Leistungen ist daher besonders zu achten.

 

BIOGENE ENERGIETRÄGER HABEN WICHTIGE ROLLE

Die besonders wichtige Rolle biogener Energieträger für die Energiewende und den Klimaschutz muss in der Klima- und Energiestrategie gut sichtbar sein, auch der Zusammenhang zwischen der Produktion biogener Treibstoffe aus Ackerfrüchten und der Bereitstellung GVO-freier Eiweißfuttermittel muss wiederholt verdeutlicht werden. Die optimale weitere Nutzung der bestehenden Bioenergie-Anlagen (Holzkraftwerke, Biogasanlagen) und positive Weiterentwicklung aller Technologien ist für die Zielerreichung unerlässlich. Die Vorreiterrolle Österreichs bei Bioenergietechnologien muss weiter ausgebaut und die sich daraus ergebenden internationalen Marktchancen müssen offensiv genutzt werden.

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Quellen

Rechte & Produktion

© 2021  Franz Titschenbacher, DI Kasimir Nemestothy, waldgeschichten.com  –  Die österreichischen Familienwaldbetriebe  –  Unterstützt durch den Holzinformationsfonds der Landwirtschafskammer Österreich.

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