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Vom Passagier zum Piloten –
Klimawandelanpassung im Wirtschaftswald

Ein Fachbeitrag von Dipl.-Ing. Stefan Zwettler

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung setzen dem Ökosystem Wald global betrachtet bereits in vielen Regionen massiv zu. Die Borkenkäfer-Kalamitäten in weiten Gebieten Mitteleuropas zeichnen dazu ein klares, untrügerisches Bild. Seit Jahren wird auf wissenschaftlicher Ebene intensiv diskutiert und modelliert, und es werden Maßnahmen untersucht, die dazu beitragen, den Wald mit seinen wichtigen Funktionen bestmöglich als Klimaschutzfaktor und in seiner Artenvielfalt zu erhalten. Sehen Umweltaktivisten den wirksamsten Klimabeitrag in einer großflächigen, europaweiten Außernutzungsstellung von Waldgebieten zur Kohlenstoffspeicherung und eine deutliche Reduktion der Holznutzung, zeigen seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse einen konstruktiven, erfolgversprechenden Beitrag zur Lösung der Klimakrise in einer kontinuierlichen, vorratsnachhaltigen Waldbewirtschaftung.

Orientierung und Ausgangslage

Im österreichischen Wald sind rund 985 Millionen Tonnen Kohlenstoff gebunden, das entspricht etwa 3.6 Milliarden Tonnen CO2. Damit ist der Wald zusammen mit dem Waldboden eine wichtige Kohlenstoffsenke. Doch diese Pufferwirkung ist begrenzt und kann nicht beliebig erweitert werden.

Im Projekt „CareforParis“ haben das Bundesforschungszentrum für Wald, die Universität für Bodenkultur Wien und das Umweltbundesamt mehrere Szenarien
der Waldbewirtschaftung, bezogen auf die Klimaveränderung und deren Auswirkungen auf den österreichischen Wald, modelliert. Dabei wurden die Subsysteme Wald, Holzprodukte und Emissionsvermeidung in die Berechnungen einbezogen.

Untersucht wurden – anhand der Referenzwerte – 2 Grad Celsius plus und 4.5 Grad Celsius plus. Unterstellt wurden die unterschiedlichen Szenarien – Zunahme von Kalamitäten etwa durch Borkenkäfer, die Verkürzung der Umtriebszeit bei der Holznutzung, der Wechsel von Baumarten hin zu einem höheren Laubholzanteil und der weitere Aufbau von Holzvorräten in den Wäldern durch Verringerung der Nutzung. Die daraus für die Praxis gewonnenen Erkenntnisse lassen aufhorchen: Der Wald wird in jedem der unterstellten Szenarien innerhalb eines Zeitfensters von 15 bis 90 Jahren zu einer Kohlenstoffquelle. Fließt in die Betrachtungen die marktorientierte Waldnutzung mit ein, liegt in den nicht erzeugten Emissionen aufgrund der Substitution energieintensiver Rohstoffe und fossiler Energieträger der größte Klimaschutzeffekt.

 

Durch Holznutzung Emissionen vermeiden

Die vermiedenen Emissionen je geerntetem Vorratsfestmeter Stammholz aus Österreichs Wäldern betragen aktuell rund 0.6 Tonnen CO2-Äquivalent, dabei ist die Senkenleistung des Waldes nicht miteingerechnet. Diese Tatsache zeigt deutlich, dass eine Außernutzungsstellung von Waldgebieten, bezogen auf den Klimaschutz, einen fatalen, hochriskanten Trugschluss darstellt. In vielen Regionen und Gebirgslagen würde die Standort- und Objektschutzfunktion aufgrund instabiler Waldbestände nicht mehr gewährleistet sein.

Fehlende Holzprodukte müssten dann durch Produkte mit höherem Anteil an fossilen Rohstoffen ersetzt werden, die zusätzliches CO2 aus der Erdkruste in die Atmosphäre blasen. Ein Widerspruch in sich, denn die Vermeidung von fossilen Treibhausgasemissionen muss oberste Priorität haben. Schlüssige Expertenempfehlung Die von den Wissenschaftlern aus dem Projekt CareforParis gewonnenen Erkenntnisse münden in einer schlüssigen Expertenempfehlung, die für eine klare politische Weichenstellung genauso richtungsweisend ist wie für die praktische Umsetzung zukunftsfähiger Waldbewirtschaftungskonzepte:

  1. Kurzfristig: Ab sofort Investition in langlebige Holzprodukte auf der Basis unserer nachhaltigen Forstwirtschaft
  2. Mittelfristig: Anpassung des waldbasierten Sektors an vermehrtes Angebot von Laubholz
  3. Langfristig: Umsetzung einer kontinuierlichen, vorratsnachhaltigen Waldwirtschaft; langfristiger Sättigungseffekt und abnehmende Senkenwirkung des Waldes.

 

Klimawandelanpassung durch Waldwirtschaft

Es steht außer Zweifel, dass eine „rasche“ Klimawandelanpassung nur durch eine nachhaltige Waldwirtschaft zu erzielen ist. Dringende Durchforstungsmaßnahmen und Verjüngungshiebe tragen dazu bei, Bäume vital zu halten, Baumkronen Raum zu geben, Struktur und Schichtung in die Waldbestände zu bringen, Mischbaumarten zu fördern und Kalamitäten durch Schadinsekten bestmöglich hintanzuhalten.

Die Zwischenauswertung der in regelmäßigen Abständen vom BFW durchgeführten Österreichischen Waldinventur (ÖWI) gibt uns dazu Einblick. In der aktuellen Periode 2016 bis 2018 weist die ÖWI einen stehenden Holzvorrat von 1.173 Millionen Vorratsfestmetern (Vfm) aus. Das sind durchschnittlich 351 Vfm pro Hektar. Die aktuelle Nutzungsempfehlung allein für die Steiermark weist eine Holzmenge von rund 80 Millionen Vfm aus. Darin enthalten sind dringende Durchforstungsmaßnahmen auf einer Fläche von rund 121.000 Hektar. Für diese wichtige Aufgabe beträgt die geschätzte Holzmenge rund 20 Millionen Vfm. Verjüngungshiebe werden auf einer Fläche von etwa 96.000 Hektar mit einem stehenden Holzanteil von rund 37 Millionen Vfm rezeptiert.

Für ganz Österreich ergibt die statistische Auswertung ein Nutzungspotenzial von rund 250 Millionen Vfm. Dabei werden geschätzte 80 Millionen Vfm Holz in dringend zu verjüngenden Schutzwäldern nutzbar ausgewiesen. Der Haken an der Geschichte liegt darin, dass die EU-Rechtsvorschrift LULUCF (Verordnung über Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft) den Holzeinschlag in Österreich mit rund 20 Millionen Erntefesmetern (Efm) pro Jahr begrenzt. Es muss nämlich sichergestellt werden, dass die Treibhausgasemissionen aus LULUCF ausgeglichen werden, indem im Zeitraum 2021 bis 2030 mindestens gleichgroße Mengen CO2 aus der Atmosphäre abgebaut werden. (Anmerkung: Bei Umrechnung von Vorratsfestmeter auf Erntefestmeter ist ein Reduktionsfaktor von rund 20 Prozent vorzusehen.)

Wald & Holznutzung

Durch die Holznutzung und die Weiterverarbeitung in langlebige Produkte wird das Kohlendioxid nicht sofort an die Atmosphäre abgegeben, sondern bleibt bis zum Ende der Nutzungsdauer im Holz gespeichert. Die Speicherung von biogenem Kohlenstoff von bewirtschafteten Wäldern ist daher auch höher als in einem nicht bewirtschafteten Wald.

Holznutzung & Klimaschutz

„Die Holzverwendung leistet einen enorm wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, die Speichereffekte können selbst im Szenario mit moderater Erwärmung bis zum Doppelten der Waldsenke betragen“, erklärt Dr. Peter Weiss vom Umweltbundesamt. „Wird weniger Holz genutzt, stellt der Wald zwar für einen beschränkten Zeitraum eine stärkere CO2-Senke dar, die gesamte Bilanz fällt allerdings schlechter aus, weil als Ersatz weitgehend auf fossile Rohstoffe zurückgegriffen werden muss. Für die Dekarbonisierung ist Holz ein unverzichtbarer Rohstoff.“ (Projekt CareforParis)

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Königsdisziplin Waldbau baut auf wissenschaftlichen Erkenntnissen

Die heute getätigten waldbaulichen Maßnahmen entscheiden darüber, ob der Wald in Zukunft weiterhin die ökologischen, ökonomischen und sozialen Leistungen erbringen kann. Das endgültige Ergebnis kann erst in mehreren Dekaden im Wald selbst abgelesen werden. Mischbaumarten streuen das Risiko im Schadensfall. Der Unterbau mit bislang fehlenden, geeigneten Baumarten, die Nutzung genetischer Variationen, die Erhöhung der Waldstruktur, die Verkürzung der Umtriebszeit und die Anpassung der Wildbestände sind wichtige Maßnahmen, die laufend gesetzt werden können. Umweltbedingungen, die für einige Baumarten limitierend wirken, stellen für andere Baumarten keinen Stressfaktor dar.

Zahlreiche Forschungseinrichtungen auf nationaler und internationaler Ebene befassen sich mit dem Thema Waldanpassung im Klimawandel. Über das Projekt PLUSBAUM bemüht man sich, in Österreich die bestgeeignete Genetik für die Hauptbaumarten durch Klone, Anzucht und Samenernte verfügbar zu machen, um beispielsweise trocken- und frostresistent Baumarten in den Umlauf zu bringen bzw. bessere Zuwachsleistungen zu erreichen. Es ist bekannt, dass mit einer Klimaveränderung auch eine Änderung der Baumartenverbreitung stattfindet. Diese Prozesse laufen in der Natur zu langsam ab (Beispiel Nacheiszeit), um eine Anpassung innerhalb einer Baumgeneration zu ermöglichen.

Mit dem Projekt „Assisted Migration“ soll ein Samentransfer für wichtige Baumarten aus geeigneten europäischen Regionen auf der Basis einer klimatischen Ähnlichkeit möglich gemacht werden. Zahlreiche Anbauversuche für neue Baumarten wie Douglasie, Gelbkiefer, Roteiche etc. sollen in Zukunft eine sinnvolle Ergänzung zu den heimischen Baumarten bilden.

 

Dynamische Waldtypisierung Steiermark als Meilenstein

Der Landesforstdienst Steiermark hat in enger Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer Steiermark und den Land & Forst Betrieben Steiermark ein Forschungsprojekt initiiert, das bezogen auf den Standort und die klimatischen Einflüsse angepasste Planungs- bzw. Beratungsgrundlagen und eine Entscheidungshilfe für die Waldbewirtschaftung liefert. Geologische Grunddaten, Ergebnisse aus terrestrischen Erhebungen von Boden und Vegetation sowie der entsprechenden Klimadaten bilden die Grundlage für die Modellierung regionaler Standortsdaten unter Betrachtung unterschiedlicher Klimaszenarien.

Damit wird eine Grundlage über aktuelle und zukünftige Baumarteneignungen bzw. -mischungen geschaffen. Jeder Waldbesitzerin und jedem Waldbesitzer steht dann eine gezielte, auf den Waldstandort abgestimmte, die Klimaszenarien berücksichtigende Empfehlung für die Wahl unterschiedlich geeigneter Baumarten zur Verfügung. Je nach Risikobereitschaft kann dann die entsprechende Entscheidung für die Aufforstung bzw. die Bestandesbegründung getroffen werden. Die Abschlusspräsentation dieses richtungsweisenden Projektes wird im März 2022 in Graz stattfinden. In der Folge wird das Projekt dynamische Waldtypisierung auch für alle anderen Bundesländer in die Umsetzung gebracht.

 

Waldfonds

Mit dem Waldfonds hat die Bundesregierung im Jahr 2020 ein großes Zukunftspaket für den österreichischen Wald geschnürt. 350 Millionen Euro stehen mit dem Fokus „Gesunde und klimafitte Wälder“ für zehn gezielt aufeinander abgestimmte Maßnahmen zur Verfügung. Konkret geht es um die Wiederaufforstung nach Schadereignissen, die Errichtung von klimafitten Wäldern, die Abgeltung von durch den Klimawandel verursachten Borkenkäferschäden, die Errichtung von Lagerstätten für Schadholz, die mechanische Entrindung als Forstschutzmaßnahme, die Sicherstellung von Waldbrandprävention und -bekämpfung, den Betrieb von Forschungsanlagen zur Herstellung von Holzgas und Biotreibstoffen, den Forschungsschwerpunkt für klimafitte Wälder (Dynamische Waldtypisierung), eine Holzinitiative bzw. Holzbauoffensive sowie die Stärkung, den Erhalt und die Förderung der Biodiversität im Wald. Von diesen Maßnahmen profitieren Waldbewirtschafter genauso wie die gesamte Wertschöpfungskette Forst-Holz-Papier, das Klima und auch die Allgemeinheit.

 

Herausforderung „Europäische Waldstrategie“

Das Konzept des Green Deal der EUKommission hat das Ziel, bis 2050 in der Europäischen Union die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und somit als erster Kontinent klimaneutral zu werden. Neben einer Biodiversitätsstrategie, einer Klimawandelanpassungsstrategie und anderen verbindlichen Rechtsmaterien soll eine Europäische Waldstrategie über einen delegierten Rechtsakt der EU-Kommission verabschiedet werden. Darin vorgesehen sind neben großflächigen Außernutzungsstellungen und einer massiven Reduktion der Holzerntemengen verschärfte Nachhaltigkeitskriterien für eine Nutzung von Biomasse.

Es geht so weit, dass den Mitgliedsstaaten die Waldkompetenz abgesprochen wird und in Zukunft ein EU-Kontrollsystem eingerichtet werden soll. Es bedarf aktuell großer Anstrengungen, die ideologiegetriebenen Ansätze durch klare Fakten zu entkräften, um den österreichischen Wald nicht zum Spielball falsch verstandener und fehlgeleiteter europäischer Umwelt- und Klimapolitik verkommen zu lassen. Weniger Holz zu nutzen würde die Klimakrise nur
weiter anheizen.

 

Resümee

Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Faktenlage zeigen, dass eine Weiterführung unserer größtenteils kleinstrukturierten Familienwaldwirtschaft unter dem Fokus geeigneter Mischbaumarten einen wichtigen Baustein für eine Klimawandelanpassung der Wälder und auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050 darstellt. Auf dem Fundament der Nachhaltigkeit bauen die drei Säulen, aktive Waldwirtschaft, Holzbauoffensive und weiterer Ausbau der Bioenergie, auf.

Die Bemühungen zum Erhalt der Artenvielfalt in unseren Wäldern bilden das Dach eines interaktiven, wohldurchdachten Maßnahmenkonzepts. Die erfolgreiche Umsetzung muss für die Waldbewirtschafter in Zukunft mit einer Honorierung verbunden sein, denn Waldwirtschaft muss sich rechnen. Das In-Wert-Setzen dieser Ökosystemleistungen samt Kohlenstoffbindung stellt die beste Investition für die Aufrechterhaltung der umfangreichen Waldleistungen und einer Klimawandelanpassung im Wirtschaftswald dar.

Zum Weiterlesen

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Zum Nachlesen

Quellen

  • Dipl.-Ing. Stefan Zwettler

Dipl.-Ing. Stefan Zwettler ist der Leiter der Abteilung Forst und Energie der Landwirtschaftskammer Steiermark.

 

Rechte & Produktion

© 2022 Dipl.-Ing. Stefan Zwettler und waldgeschichten.com  –  Die österreichischen Familienwaldbetriebe & Österreichischer Forstverein –  Unterstützt durch den Holzinformationsfonds der Landwirtschafskammer Österreich.

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