© 2026 K. Harvati
Holz ein vergänglicher Werkstoff? Neue archäologische Funde zeigen eindrucksvoll: Holz kann extrem langlebig sein, wenn die Bedingungen stimmen. Und mehr noch: Holz gehört zu den frühesten und wichtigsten Materialien der Menschheitsgeschichte.
Titelbild: Grabungswerkzeug oder Multifunktionsstab, der von Menschen aus der Fundstätte Marathousa 1 in Griechenland verwendet wurde und 430.000 Jahre alt ist.
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Wie haltbar ist Holz? 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge geben überraschende Antworten
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Tübingen und der University of Reading hat in Griechenland die bislang ältesten bekannten handgehaltenen Holzwerkzeuge entdeckt, die eindeutig von Menschen genutzt wurden. Die Funde sind rund 430.000 Jahre alt und stammen aus dem Mittelpleistozän. Diese Epoche ist eine Schlüsselphase der menschlichen Evolution: Das Mittelpleistozän ist die Zeit, in der der Mensch begann, Technik, Materialwissen und Umwelt strategisch zu verbinden – Grundlagen, auf denen unsere heutige Kultur aufbaut.
Die Ergebnisse wurden im Fachjournal PNAS veröffentlicht. Die Website pnas.org gehört zur wissenschaftlichen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS). Das ist kein Interessenverband oder politische Organisation, sondern eine renommierte, international bekannte wissenschaftliche Publikation.
Eine außergewöhnliche Fundstelle
Die Entdeckung stammt von der Fundstelle Marathousa 1 auf der Peloponnes in Zentralgriechenland. Vor Hunderttausenden Jahren lag hier ein Seeufer, ein attraktiver Ort für frühe Menschen. Sie zerlegten dort Tiere, darunter auch Elefanten, wie zahlreiche Knochenfunde belegen. Bereits zuvor waren an diesem Ort Steinwerkzeuge entdeckt worden, die auf komplexe Tätigkeiten hindeuteten.
Besonders bemerkenswert sind jedoch die Holzfunde: bearbeitete Stücke aus Erle, Weide und Pappel. Unter dem Mikroskop zeigten sich klare Spuren menschlicher Bearbeitung, beispielsweise Hackmarken, Schnitzspuren und Abnutzung. Zwei der Holzstücke konnten eindeutig als Werkzeuge identifiziert werden.
Ein Stück eines Erlenstamms war gezielt geformt worden und weist Gebrauchsspuren auf. Vermutlich diente es zum Graben im feuchten Boden oder zum Entfernen von Baumrinde. Ein weiteres kleines Fragment aus Weide oder Pappel zeigt ebenfalls Hinweise auf bewusste Formgebung und Nutzung. Ein dritter Fund – ebenfalls aus Erle – erwies sich hingegen als Kratzspur eines großen Raubtiers, vermutlich eines Bären.
Warum solche Holzfunde so selten sind
Dass Holzwerkzeuge aus der Frühgeschichte kaum erhalten sind, liegt nicht daran, dass sie selten genutzt wurden, sondern daran, dass Holz unter sehr speziellen Bedingungen überdauert. Sauerstoffarme, feuchte Milieus wie Moore, Seeufer oder Sedimente können Holz über extrem lange Zeiträume konservieren.
Marathousa 1 bietet genau diese außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen. Das erklärt, warum hier nicht nur Holz, sondern auch feinste Bearbeitungsspuren erhalten geblieben sind. Für die Forschung ist das ein Glücksfall und ein wichtiger Hinweis darauf, dass Holz in der Frühgeschichte vermutlich eine viel größere Rolle spielte, als wir bislang annehmen konnten.
Holz als technischer Werkstoff der frühen Menschen
Die Funde zeigen deutlich: Holz war kein beiläufiges Material. Es wurde gezielt ausgewählt, bearbeitet und genutzt. Das erfordert Planung, Wissen über Eigenschaften verschiedener Holzarten und handwerkliches Geschick.
Gerade Arten wie Erle, Weide und Pappel lassen sich gut bearbeiten, sind aber zugleich stabil genug für Werkzeuge. Dass frühe Menschen diese Eigenschaften kannten und nutzten, spricht für ein hohes Maß an technologischem Verständnis.
Bislang galten Holzfunde aus Ländern wie Deutschland, Großbritannien, China und Sambia als die ältesten Belege für Holzwerkzeuge. Diese umfassen Waffen, Grabstöcke oder Werkzeuggriffe. Sie sind jedoch alle jünger als die Funde aus Marathousa 1. Lediglich ein noch älterer Fund aus Kalambo Falls in Sambia (ca. 476.000 Jahre alt) ist bekannt, allerdings handelte es sich dabei um Holz als Baumaterial, nicht um Werkzeuge.
Haltbarkeit ist kein Zufall
Was bedeutet all das für unser heutiges Verständnis von Holz? Vor allem eines: Haltbarkeit ist keine Eigenschaft des Materials allein, sondern des Zusammenspiels von Material, Nutzung und Umwelt. Holz kann extrem langlebig sein, wenn es richtig eingesetzt wird und die Rahmenbedingungen passen.
Die 430.000 Jahre alten Werkzeuge sind dafür ein eindrucksvoller Beweis. Sie zeigen, dass Holz schon früh ein verlässlicher Werkstoff war, auf den Menschen angewiesen waren. Es war leicht verfügbar, vielseitig einsetzbar und robust genug für den Alltag.
Ein Material mit Vergangenheit und Zukunft
Der Blick in die frühe Menschheitsgeschichte verändert auch unseren Blick auf die Gegenwart. Holz ist kein kurzlebiger Werkstoff, sondern ein Material mit tiefer Geschichte. Seine Haltbarkeit hängt von Wissen, Verarbeitung und Umfeld ab, damals wie heute.
Die Funde von Marathousa 1 erinnern daran, dass Holz seit Hunderttausenden Jahren Teil menschlicher Anpassung ist. Und sie machen deutlich: Wer über nachhaltige, langlebige Materialien nachdenkt, kommt an Holz nicht vorbei.
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