Frohe Weihnachten

    Dez. 22, 2021 | Allgemein

     

    waldgeschichten.com wünscht ihnen frohe Weihnachten und eine besinnliche Weihnachtszeit, angestimmt durch ein Gedicht des österreichischen Schriftstellers Peter Rosegger, vielen gut bekannt mit seinen Jugendgeschichten aus der Wahlheimat in “Als ich noch der Waldbauernbub war”.

     

    Zum Weihnachtsbaum

    Friede war im Wald und jeder Baum beglückt
    durch schöne, reife Frucht, womit der Herbst beschmückt
    die Äste all, daß jeder Zweig sich bieget
    bis hoch hinauf, wo leis’ die Krone wieget.
    Doch leider, wo’s zum Segen will gedeihn,
    da findet sich auch gern der Hochmut ein
    und selbst der Neid. Und jeder wollt’ sich prahlen,
    daß seine Frucht die schönste sei von allen,
    und jeder hing an seine längsten Äste
    als stolzes Aushängeschild der Früchte beste.
    Es war ein herrlich Wogen bis zur Spitze,
    ein Wetten, wer das beste wohl besitze.

    Nur eines litt im Wald viel Weh und Gram
    und barg sich ins Gesträuch voll tiefer Scham.
    Ein Tannenbäumchen war’s gar schmächtig, schlank,
    wohl aller Früchte, auch der ärmsten, blank,
    und während andre stolz im vollen Prangen
    hatt’ es an seinem Stamm nur Nadeln hangen,
    nur dunkelgrüne Nadeln, scharf und spitz;
    sie stachen es, doch schärfer stach der Witz
    der andren und ihr Hohn, gar schal und widrig
    dem schlichten Bäumchen, weil’s so arm und niedrig.
    Es flüsterte der Wald sich in die Ohren
    vom Taugenichts, der da umsonst geboren,
    und warf ihm boshaft gar zum Spott und Schmach
    die ersten gelben, dürren Blätter nach.
    Das schnitt dem Bäumchen tief ins junge Herz,
    es wollte schier vergehen in Leid und Schmerz
    und weinte, tief bedrängt vom Weh, dem schweren
    das Harz heraus, die bittersten der Zähren.
    So duldete das Bäumchen still und fromm.

    Da zog hernieder durch den mächtigen Dom
    ein Engel aus des Himmels heiligen Hainen,
    der sah den armen Dulder schmerzlich weinen.
    Er ließ sich erdenwärts vom weiten Raum,
    zur armen Tanne sprechend: “Liebster Baum!
    Du warst bisher verachtet und verflucht,
    doch tragen wirst du noch die schönste Frucht,
    die je ein Baum getragen hier auf Erden,
    du sollst der Baum der höchsten Freude werden.”

    Wie wurde jetzt der Himmel trüb und grau!
    Es blies ein kalter Wind auf Heid’ und Au’,
    er heulte durch den Wald voll wilder Hast
    und rüttelte die letzte Frucht vom Ast.
    Oh, bald war jeder Baum, der einst geprahlt,
    der Frucht und Blätter bar, gar kahl und alt,
    es fielen Flocken und es krächzten Raben,
    und sieh, der stolze Wald war wie begraben.

    Nur jenes Bäumchen steht noch frisch und frei
    und grünt und flüstert sanft wie einst im Mai.

    Und als die heilige Nacht gekommen war,
    da schwebte durch den Wald die Engelschar
    zum Bäumchen zart und trug es durch die Nacht
    in festlich aufgegangener Strahlenpracht.

    –  Peter Rosegger (1843-1918) –

     

     

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