© 2026 Adobe Stock, Bruno Mader

Studie: Wie Forstwirtschaft und Biodiversität sich miteinander verbinden lassen

  • Waldbesitzer:innen
  • Waldarbeiter:innen
  • Waldbesucher:innen
Wie lassen sich Holzproduktion, Biodiversität und Klimaschutz in Europas Wäldern miteinander vereinbaren? Eine neue wissenschaftliche Studie der International Union of Forest Research Organizations (IUFRO) untersucht die Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Waldfunktionen. Die Ergebnisse zeigen, welche Möglichkeiten integratives Waldmanagement bietet und welche Voraussetzungen für seine erfolgreiche Umsetzung notwendig sind.

© 2026 Adobe Stock, tiero

Europas Wälder zwischen Nutzung, Schutz und Klimawandel

 

Europas Wälder stehen vor komplexen Herausforderungen. Sie sollen den nachwachsenden Rohstoff Holz bereitstellen, Kohlenstoff speichern, die biologische Vielfalt erhalten sowie Wasser- und Bodenfunktionen schützen. Gleichzeitig müssen sie zunehmend häufige und intensive Auswirkungen des Klimawandels bewältigen. Diese unterschiedlichen Anforderungen können sich gegenseitig ergänzen, aber auch miteinander in Konflikt geraten.

Wie sich wirtschaftliche Produktivität und ökologische Funktionen wissenschaftlich fundiert miteinander verbinden lassen, untersucht die am 16. September 2026 veröffentlichte Studie „Productive and Biodiverse: Managing Europe’s Forests for Economic and Ecological Outcomes“. Der 152 Seiten umfassende Bericht erschien als Band 46 der IUFRO World Series und wurde im Rahmen der Initiative Teaming Up 4 Forests erarbeitet.

Die Untersuchung führt Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Wälder unter Berücksichtigung ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Anforderungen langfristig produktiv und widerstandsfähig bleiben können.

 

Zielkonflikte zwischen Waldfunktionen wissenschaftlich bewerten

 

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist, dass die vielfältigen Leistungen von Waldökosystemen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Maßnahmen zur Förderung einer bestimmten Funktion können andere Funktionen unterstützen oder einschränken. Beispielsweise können Holzproduktion, Kohlenstoffspeicherung, Biodiversität und Schutzfunktionen unterschiedliche Anforderungen an die Struktur und Bewirtschaftung eines Waldes stellen. Auch die zeitlichen Dimensionen spielen eine Rolle: Kurzfristige wirtschaftliche Ziele müssen nicht zwangsläufig mit langfristigen ökologischen Entwicklungen übereinstimmen.

Die Forschenden betonen daher, dass kein einzelner Wald sämtliche gesellschaftlich gewünschten Leistungen gleichzeitig und in höchstem Umfang erbringen kann. Zielkonflikte, in der Wissenschaft als Trade-offs bezeichnet, sind deshalb Bestandteil multifunktionaler Waldbewirtschaftung. Die wissenschaftliche Herausforderung besteht darin, diese Wechselwirkungen zu erkennen, mögliche Synergien zu nutzen und konkurrierende Anforderungen auf einer nachvollziehbaren Entscheidungsgrundlage gegeneinander abzuwägen.

Studienleiter Frank Krumm von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) erklärt: „Die Studie stützt sich auf Erkenntnisse aus einem breiten Spektrum von Fachdisziplinen. Diese belegen, dass produktive Forstwirtschaft und der Erhalt der Biodiversität keine widerstrebenden Ziele sind, sondern einander ergänzen und gemeinsam die langfristige Widerstandsfähigkeit, Produktivität und gesellschaftliche Bedeutung der Wälder stärken.“
​

© 2026 Adobe Stock, mpix-foto

© 2026 Adobe Stock, ferkelraggae

Integratives Waldmanagement als wissenschaftlicher Ansatz

 

Im Zentrum der Untersuchung steht das Konzept des Integrativen Waldmanagements (Integrative Forest Management, IFM). Dieser Ansatz verbindet wirtschaftliche Nutzung, Biodiversitätserhaltung und Schutzfunktionen innerhalb eines gemeinsamen Bewirtschaftungsrahmens. Die Studie unterscheidet zwischen verschiedenen Ansätzen: Während die räumliche Trennung von Nutzungs- und Schutzflächen bestimmte Waldfunktionen gezielt fördern soll, verfolgt die multifunktionale Forstwirtschaft das Ziel, mehrere Ökosystemleistungen auf derselben Fläche bereitzustellen. Das integrative Waldmanagement verbindet Elemente beider Konzepte.

Dabei werden unterschiedliche räumliche und zeitliche Ebenen einbezogen – vom einzelnen Baum über den Waldbestand bis zur gesamten Waldlandschaft. Auch der zeitweilige oder dauerhafte Schutz bestimmter Lebensräume und Waldflächen ist Bestandteil dieses Ansatzes.

Die Studie stellt damit weder die Bedeutung streng geschützter Waldflächen noch die wirtschaftliche Nutzung grundsätzlich infrage. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Bewirtschaftungs- und Schutzmaßnahmen auf Landschaftsebene miteinander zu verbinden.

Dies ist insbesondere in Europa von Bedeutung, wo viele Wälder Teil historisch gewachsener Kulturlandschaften sind. Fragmentierte Landschaften, unterschiedliche Eigentumsstrukturen und regionale Unterschiede erfordern angepasste Bewirtschaftungskonzepte. Ein einheitliches Modell kann dieser Vielfalt nicht gerecht werden.

Biodiversität als Grundlage langfristiger Resilienz

 

Die Studie unterstreicht die Bedeutung der biologischen Vielfalt für die Stabilität und Funktionsfähigkeit von Waldökosystemen. Biodiversität umfasst dabei mehrere Ebenen: die genetische Vielfalt, die Artenvielfalt, die strukturelle Vielfalt und die Unterschiedlichkeit von Lebensräumen innerhalb einer Waldlandschaft. Diese verschiedenen Dimensionen tragen zur ökologischen Stabilität und Widerstandsfähigkeit bei. Vielfältig zusammengesetzte Wälder sind häufig besser in der Lage, auf Störungen wie Stürme, Schädlingsbefall oder klimatische Veränderungen zu reagieren. So können beispielsweise Mischwälder gegenüber bestimmten Umweltbelastungen widerstandsfähiger sein als Monokulturen.

Die Forschenden weisen jedoch darauf hin, dass die Auswirkungen forstwirtschaftlicher Maßnahmen auf die Biodiversität von deren Gestaltung und Umsetzung abhängen. Intensive Bewirtschaftungsformen, insbesondere Monokulturen und Kahlschläge, können die Waldstruktur vereinfachen und die biologische Vielfalt beeinträchtigen. Auch Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel können unbeabsichtigte ökologische Folgen haben: Eingriffe zur Verringerung bestimmter Risiken können beispielsweise die Waldstruktur verändern und dadurch neue Anfälligkeiten schaffen.

Zudem ist zwischen der ökologischen Resilienz eines Waldökosystems und der Stabilität seiner Holzproduktion zu unterscheiden. Eine kurzfristig aufrechterhaltene Produktionsleistung ist nicht automatisch ein Nachweis für die langfristige ökologische Widerstandsfähigkeit.

Die Studie spricht sich daher für Bewirtschaftungsstrategien aus, die Biodiversität, unterschiedliche Waldfunktionen und mögliche Folgen von Eingriffen gemeinsam berücksichtigen.

© 2026 Adobe Stock, HighDispersion

© 2026 Adobe Stock, Marek

Klimaschutz erfordert eine differenzierte Betrachtung

 

Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung betrifft die Bedeutung der Wälder für den Kohlenstoffkreislauf und den Klimaschutz. Wälder speichern Kohlenstoff sowohl in ihrer ober- und unterirdischen Biomasse als auch im Waldboden. Die Größe und Entwicklung dieser Kohlenstoffspeicher werden unter anderem durch Baumartenzusammensetzung, Bestandsalter, Standortbedingungen und natürliche Störungen beeinflusst.

Darüber hinaus kann Kohlenstoff in geernteten Holzprodukten über längere Zeiträume gebunden bleiben. Durch die Verwendung von Holz anstelle emissionsintensiverer Materialien können unter bestimmten Voraussetzungen zusätzliche Klimaschutzeffekte entstehen. Die tatsächliche Klimawirkung hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zählen insbesondere die Nutzungsdauer von Holzprodukten, die Art der ersetzten Materialien, die Bewirtschaftung der Wälder sowie mögliche Verlagerungseffekte.

Auch die zunehmenden Risiken durch Waldbrände, Stürme und Schädlingsbefall müssen berücksichtigt werden, da sie die Kohlenstoffspeicher der Wälder beeinträchtigen können.

Eine wissenschaftlich fundierte Bewertung der Klimawirkungen erfordert deshalb die Betrachtung unterschiedlicher Kohlenstoffspeicher und -flüsse sowie geeigneter zeitlicher und räumlicher Systemgrenzen. Die Kohlenstoffbilanz eines einzelnen Waldbestandes allein reicht dafür nicht aus.

Wissenschaftliches Monitoring und anpassungsfähige Bewirtschaftung

 

Eine zentrale Voraussetzung für integratives Waldmanagement ist die kontinuierliche Erfassung und Bewertung der Waldentwicklung. Die Studie hebt die Bedeutung belastbarer Daten und geeigneter Indikatoren hervor. Dabei stellt bereits die Definition und Messung von Biodiversität eine wissenschaftliche Herausforderung dar. Unterschiedliche ökologische Dimensionen lassen sich nicht mit einer einzigen Kenngröße ausreichend beschreiben.
Hinzu kommt, dass nationale Waldinventuren und Biodiversitätsmonitoringprogramme in Europa teilweise unterschiedliche Methoden verwenden. Dadurch sind internationale Vergleiche nur eingeschränkt möglich. Für die Bewertung von Ökosystemleistungen und ihren Wechselwirkungen bestehen weiterhin erhebliche Wissenslücken.

Neue Technologien wie Fernerkundung, geografische Informationssysteme und künstliche Intelligenz verbessern zwar die Möglichkeiten, Waldstrukturen und Veränderungen großräumig zu erfassen. Sie ersetzen jedoch nicht die Notwendigkeit langfristiger wissenschaftlicher Untersuchungen.

Auf Grundlage solcher Erkenntnisse können Bewirtschaftungsstrategien regelmäßig überprüft und an neue Entwicklungen angepasst werden. Dieses sogenannte adaptive Management berücksichtigt, dass ökologische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen nicht statisch sind.

© 2026 Adobe Stock, NAYON89

© 2026 Adobe Stock, float

Institutionelle Rahmenbedingungen sind entscheidend

 

Die Umsetzung integrativer Waldbewirtschaftung ist nicht allein eine forstfachliche Aufgabe. Auch politische und administrative Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Anreize sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Interessengruppen spielen eine wesentliche Rolle.

Gerade in Europa mit seinen vielfältigen Eigentumsverhältnissen und fragmentierten Waldlandschaften müssen Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen aufeinander abgestimmt werden.

Die Studie betont deshalb die Bedeutung geeigneter institutioneller Strukturen, wissenschaftlich fundierter Informationen und eines kontinuierlichen Austauschs zwischen Waldeigentümern, Forstwirtschaft, Forschung und politischen Entscheidungsträgern.

Internationale Forschung als Grundlage

 

Die Untersuchung entstand auf Grundlage eines Think-Tank-Treffens der Initiative Teaming Up 4 Forests im April 2025. Mehr als 40 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik beteiligten sich daran.
Die International Union of Forest Research Organizations (IUFRO) übernahm als wissenschaftlicher Partner die Konzeption und Durchführung der Studie. Zu den federführenden Autorinnen und Autoren gehören Frank Krumm, Andreea Spinu, Zuzana Dobšinská, Tommaso Chiti, Nataša Lovric und Maria Nijnik. Herausgegeben wurde die Publikation von Nelson Grima, Laura Walther und Frank Krumm.

Finanziert wurde die Untersuchung durch das Verpackungs- und Papierunternehmen Mondi. Die Publikation durchlief ein wissenschaftliches Double-Blind- und Expertenbegutachtungsverfahren. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass die wissenschaftlichen Aussagen nicht notwendigerweise die Position des finanzierenden Unternehmens widerspiegeln.

Die Initiative Teaming Up 4 Forests wurde 2021 von IUFRO und Mondi gegründet und vernetzt mittlerweile mehr als 100 Fachleute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

© 2026 Adobe Stock, Tohirin_ThaherAF

© 2026 Adobe Stock, Aloisia

Wissenschaftlich fundierte Entscheidungen für die Wälder der Zukunft

 

Die Studie zeigt, dass die langfristige Produktivität europäischer Wälder und der Erhalt ihrer biologischen Vielfalt nicht grundsätzlich im Widerspruch zueinander stehen. Eine Vereinbarkeit ergibt sich jedoch nicht automatisch durch jede Form der Waldbewirtschaftung. Entscheidend ist vielmehr, unterschiedliche Waldfunktionen gemeinsam zu betrachten, ihre Wechselwirkungen zu bewerten und mögliche Zielkonflikte zu berücksichtigen.

Integratives Waldmanagement bietet dafür einen wissenschaftlich begründeten Ansatz, der wirtschaftliche Nutzung, ökologische Stabilität und gesellschaftliche Anforderungen miteinander verbindet. Voraussetzung sind standortangepasste Strategien, kontinuierliches Monitoring, geeignete politische und institutionelle Rahmenbedingungen sowie die Zusammenarbeit verschiedener Interessengruppen.

Die zentrale Schlussfolgerung der Studie lautet damit nicht, dass sich sämtliche Zielkonflikte zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz auflösen lassen. Vielmehr müssen diese auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse erkannt, bewertet und durch vorausschauende Managemententscheidungen gesteuert werden.

 

Quelle und weiterführende Informationen
Grima, N., Walther, L. & Krumm, F. (Hrsg.) (2026): Productive and Biodiverse: Managing Europe’s Forests for Economic and Ecological Outcomes. An evidence-based synthesis report. IUFRO World Series, Vol. 46, Wien, 152 Seiten

Originalstudie bei IUFRO, Studieninformationen bei Teaming Up 4 Forests

Zum Weiterlesen

Zum Nachlesen

Rechte & Produktion

© 2024 Die österreichischen Familienwaldbetriebe & Österreichischer Forstverein – Unterstützt durch den Holzinformationsfonds der Landwirtschaftskammer Österreich

Redaktion

Wir haben sorgfältig recherchiert und Informationen zusammengetragen. Wenn ihnen dennoch etwas auffällt, was sie ändern würden oder etwas zu ergänzen wäre, bitten wir sie, Kontakt mit uns aufzunehmen. Wir freuen uns über ihre Rückmeldung und Anregungen.

redaktion@waldgeschichten.com

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von ihnen, wenn sie auf unsere Website zurückkehren, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für sie am interessantesten und nützlichsten sind.