Foto: Sonja Roig (links) und Sara Fernández
Warum brauchen wir den Wald? Wie können wir ihn schützen? Und weshalb bedeutet Waldschutz nicht immer, die Natur sich selbst zu überlassen? Ein Kinderbuch vermittelt Waldwissen aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Der Mensch steht nicht außerhalb des Ökosystems, sondern ist ein Teil davon.
Im Interview mit Waldgeschichten sprechen die Kinderbuchautorin und Illustratorin Sara Fernández sowie die Forstwissenschaftlerin Sonia Roig über ihre Motivation, nachhaltige Waldbewirtschaftung und die Herausforderungen des Klimawandels.
Den Wald von innen kennenlernen
Kinderbücher über den Wald gibt es viele. Sie stellen heimische Baumarten vor, erklären die Lebensweise von Waldtieren oder vermitteln Wissenswertes über die Natur. Doch wie sieht es mit der Rolle des Menschen aus? Schließlich nutzen, verändern und bewirtschaften wir Wälder seit Jahrtausenden.
Genau hier setzt ein Kinderbuch an, das Waldwissen und Forstwissenschaft miteinander verbindet. Entstanden ist es aus der Zusammenarbeit zweier Frauen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen: Sara, ehemalige Forstingenieurin, Wissenschaftsvermittlerin, Illustratorin und Kinderbuchautorin, und Sonia Roig, Professorin an der Polytechnischen Universität Madrid.
Gemeinsam möchten sie zeigen, wie eng das Leben der Menschen mit dem Wald verbunden ist und weshalb es wichtig ist, seine ökologischen Zusammenhänge zu verstehen.
„Wir Menschen sind Teil des Waldes“
Waldgeschichten: Was hat Sie dazu inspiriert, ein Kinderbuch über den Wald zu schreiben, und welche Themen waren Ihnen dabei besonders wichtig?
Sara: Als Forstingenieurin – ein Beruf, in dem ich mehrere Jahre gearbeitet habe –, danach als Wissenschaftsvermittlerin an Schulen und schließlich mit meiner Ausbildung zur Illustratorin und Kinderbuchautorin war es wohl keine Überraschung, dass ich ein Kinderbuch über den Wald mache. Aber ein Buch zu machen bedeutet unglaublich viel Arbeit und Papier, besonders bei einem Sachbuch. Man sollte also nur dann ein neues machen, wenn es wirklich nötig ist.
Nach sehr umfangreicher Recherche habe ich festgestellt, dass es zwar viele Kinderbücher über den Wald gibt, einige davon übrigens sehr gute, dass sie aber alle den Wald „von außen“ betrachten. Das heißt: Sie nähern sich dem Wald als etwas, das wir beobachten oder über das wir etwas lernen können – so, als wären wir Menschen kein Teil davon und hätten keinen Einfluss auf Ökosysteme und Wälder.
Dabei ist das in Europa seit dem Ende der letzten Eiszeit der Fall! Und ja, wir können den Wäldern schaden, sogar sehr schaden. Wir können aber auch dazu beitragen, sie zu pflegen. Und das brauchen wir als Spezies zum Überleben, denn ohne Wälder samt ihren Ökosystemen, Pflanzen, Tieren, Böden und Wasser können wir nicht leben.
Genau das ist auch das Anliegen des One-Health-Ansatzes. Wie wir im Buch sagen: „Wir sind waldabhängig. Punkt!“ Das ist das Ziel dieses Buches. Und weil es ein riesiges Unterfangen war, habe ich meine Freundin Sonia Roig, Professorin an der Polytechnischen Universität Madrid, gebeten, mir zu helfen und alles zu prüfen, damit die Informationen so genau und aktuell wie möglich sind.
„Waldschutz heißt nicht immer: nicht anfassen“
Waldgeschichten: Welche Botschaft möchten Sie jungen Leserinnen und Lesern mit Ihrem Buch vermitteln, und wie haben Sie versucht, komplexe forstliche Themen für Kinder zugänglich zu machen?
Sara: Die zentrale Botschaft ist, wie gesagt, dass wir waldabhängig sind. Und außerdem, dass der Blick auf den Wald ein ganz anderer ist als unser eigener!
Wälder, Ökosysteme und Landschaften, wie wir sie heute sehen, sind nur eine Momentaufnahme. Nur ein einzelnes Bild aus einem sehr, sehr langen Film mit vielen überraschenden Wendungen, der noch längst nicht zu Ende ist! Unsere Zeit und unser Raum sind so viel kleiner.
Wir Menschen brauchen den Wald für alles, und wir brauchen ihn jetzt. Deshalb müssen wir ihn schützen, ihn aber auch sich weiterentwickeln lassen. Denn Waldschutz heißt nicht immer „nicht anfassen“ – die Forstwissenschaft ist der Weg, Wälder zu schützen und ihren Fortbestand zu sichern.
Manchmal müssen wir sogar eingreifen, um ihnen zu helfen. Zum Beispiel, um sie an den Klimawandel anzupassen und seinen Folgen vorzubeugen: dem Absterben vieler Bäume, Waldbrandgefahr, Sturm- und Käferschäden.
So können wir Wäldern helfen, mit Wassermangel zurechtzukommen, indem wir einzelne Bäume entnehmen, immer nachhaltig. Das dient zugleich der Waldbrandvorbeugung, und diese Bäume können wir für Häuser, Möbel, Biomasse und anderes nutzen.
Oder indem wir die Wanderung von Arten gezielt unterstützen, etwas, das auf natürlichem Weg Hunderte oder Millionen Jahre dauern würde und mit Artensterben einherginge, das wir uns nicht leisten können. Und natürlich, indem wir fruchtbare Böden schützen, eine nicht erneuerbare Ressource!
Wir lieben nur, was wir kennen, und wir schützen nur, was wir lieben. Ich denke, das ist das Ziel dieses Buches: den Wald gründlich und von innen kennenzulernen. Wenn wir mit Kindern und jungen Leserinnen und Lesern oder Zuhörerinnen und Zuhörern zu tun haben, dürfen wir nicht vergessen, dass wir ein denkendes Publikum vor uns haben – und das anspruchsvollste überhaupt!
Der Schlüssel ist also, für sie zu schreiben oder mit ihnen zu sprechen als die intelligenten Leserinnen und Leser, die sie sind. Auf Augenhöhe, indem wir die Dinge einfach, aber nicht simpel im naiven Sinn darstellen. Und indem wir genau bleiben! Wir müssen das wissenschaftliche Denken bewahren und fördern. Das Buch hat 20 Kapitel, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, die aber auch miteinander verbunden sind – so wie im Wald alles miteinander verbunden ist.
In den Illustrationen steckt sehr viel Information, sodass alle selbst Zusammenhänge herstellen, Entdeckungen machen und Schlüsse ziehen können.
Ja, es ist ein Kinderbuch, aber auch ein Crossover-Buch für Erwachsene! Die vielen verschiedenen Möglichkeiten und Ebenen, es zu lesen und wieder zu lesen, machen das Buch für alle geeignet, unabhängig von Alter und Vorwissen.
Von ganz kleinen Kindern, die nur nach den vielen Tieren suchen, die auf jeder Seite versteckt sind, über Jugendliche, Kinder mit Lernschwierigkeiten und solche mit Hochbegabung bis hin zu Erwachsenen, die wenig über Forstwissenschaft wissen, und auch Forstfachleuten.
Alle können sich je nach Vorbildung oder Bedürfnis herausholen, was sie brauchen. Und natürlich wächst das Buch mit seinen Leserinnen und Lesern mit!
Nachhaltige Waldbewirtschaftung als Herausforderung
Wälder erfüllen zahlreiche Funktionen: Sie bieten Lebensräume, liefern Rohstoffe, schützen Böden und regulieren den Wasserhaushalt. Gleichzeitig stehen sie durch den Klimawandel und gesellschaftliche Veränderungen zunehmend unter Druck. Für Sonia Roig spielt deshalb die aktive Waldbewirtschaftung eine entscheidende Rolle.
Waldgeschichten: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme, die wir im Wald und in der Waldbewirtschaftung angehen müssen?
Sonia: Wir halten es heute für entscheidend, die Wälder an die jüngsten Veränderungen – etwa den Klimawandel und den gesellschaftlichen Wandel – anzupassen und dabei alles zu erhalten, was uns die Wälder bieten. Also die Leistungen und Güter, die aus diesen Ökosystemen hervorgehen. In vielen Regionen Europas geht diese aktive und nachhaltige Waldbewirtschaftung jedoch zurück.
Diese Situation ist unter anderem gekennzeichnet durch fehlende Waldarbeiten – fachlich sprechen wir von waldbaulichen Maßnahmen, deren Hauptziel der Fortbestand der Wälder ist –, durch Biomasseakkumulation, denn Bäume und Wälder wachsen jedes Jahr, und durch übermäßige Konkurrenz zwischen den Bäumen um Platz und Licht, vor allem aber um Wasser. Das kann zu einer Zunahme unerwünschter ökologischer Risiken führen.
Über diese Ziele hinaus halten wir es für wesentlich, die Arbeiten und Maßnahmen im Wald wirksam zu kommunizieren und ihre Notwendigkeit zu erklären, damit der Wald für uns sorgen kann, wie es im Buch heißt.
Ebenso wichtig ist es, die Beteiligung und das Engagement der Gesellschaft in der Waldbewirtschaftung zu fördern.
Spaniens Wälder: Trockenheit, Artenvielfalt und Waldbrandgefahr
Während Österreichs Wälder vielerorts von alpinen Bedingungen geprägt sind, herrscht in großen Teilen Spaniens mediterranes Klima. Das beeinflusst sowohl die Zusammensetzung der Wälder als auch ihre Bewirtschaftung.
Waldgeschichten: Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen spanischen und mitteleuropäischen Wäldern?
Sonia: Einige Faktoren, die Entwicklung und Wachstum der spanischen Wälder bestimmen, sind anders und besonders. Da die meisten stark mediterran geprägt sind, müssen sie harte Sommerdürren oder Starkregen aushalten – und das nimmt mit dem Klimawandel zu. In weiten Teilen Spaniens dominieren trockenheitsangepasste Baumarten, deren Produktivität deutlich geringer ist als jene der mitteleuropäischen Wälder.
Dennoch hat Spanien eine außergewöhnlich hohe Biodiversität, weil hier atlantische, mediterrane, afrikanische und alpine Einflüsse aufeinandertreffen.
Ebenfalls klimabedingt sind die größten Schadensrisiken für unsere Ökosysteme sicherlich Waldbrände und Sturzfluten – und das in einem Gebiet, das seit Jahrtausenden vom Menschen besiedelt und bewirtschaftet wird.
Aus all diesen Gründen stehen bei der Bewirtschaftung unserer Wälder häufig der Bodenschutz und die Mehrfachnutzung im Vordergrund, insbesondere die Gewinnung von Nichtholzprodukten wie Kork, Harz, Pilzen, Weideflächen, Früchten und anderem.
Ein Buch über den Wald – und über uns selbst
Das gemeinsame Buchprojekt von Sara Fernández und Sonia Roig möchte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch eine neue Perspektive eröffnen: Wälder sind keine von Menschen getrennten Lebensräume, sondern eng mit unserem Alltag, unserer Gesundheit und unserer Zukunft verbunden.
Mit seinen 20 Kapiteln und detailreichen Illustrationen lädt das Buch dazu ein, Zusammenhänge zu entdecken und den Wald als dynamisches Ökosystem zu verstehen. Die zentrale Botschaft der beiden Autorinnen bringt es auf den Punkt: Wir sind waldabhängig. Und gerade deshalb lohnt es sich, den Wald nicht nur zu betrachten, sondern ihn wirklich kennenzulernen.
Weitere Informationen: Der Wald – Unser grünes Zuhause, Tyrolia, ab 9 Jahren, erschienen August 2026, 100 Seiten, ISBN 978-3702243548
Waldgeschichten auf Instagram folgen
Waldgeschichten auf LinkedIn folgen
Waldgeschichten auf YouTube sehen




