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Waldforschung zwischen Baum, Boden und Bytes
An der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) bündelt der Themenschwerpunkt „360° Perspektiven – Waldforschung zwischen Baum, Boden & Bytes“ aktuelle Projekte zur Zukunft unserer Wälder. Im Zentrum steht dabei eine entscheidende Frage: Wie lassen sich Kohlenstoffkreisläufe stabil halten und unsere Wälder gleichzeitig als Lebensraum, Wirtschaftsraum und Klimafaktor sichern?
Ein zentrales Projekt ist MykoResi im Wienerwald. Das Forschungsteam um Mathias Mayer untersucht dort alte Waldbestände entlang unterschiedlicher Standortbedingungen.
Mithilfe moderner DNA-Analysen, Bodendaten und Jahrringuntersuchungen wird erforscht:
- Welche Mykorrhiza-Pilzarten vorkommen
- Wie stabil diese Pilzgemeinschaften sind
- Ob besonders widerstandsfähige Bestände mit bestimmten Pilznetzwerken verknüpft sind
- Wie Bäume in den vergangenen Trockenjahren reagiert haben
Die Hypothese: Unterirdische Pilznetzwerke könnten ein entscheidender Faktor für klimafitte Wälder sein.
Was sind Mykorrhizapilze?
Mykorrhiza bedeutet „Pilzwurzel“ und beschreibt die Symbiose zwischen Bodenpilzen und Baumwurzeln.
Je nach Typ umhüllt der Pilz die Wurzelspitzen oder dringt in die Wurzelzellen ein. Sein Myzel verbessert die Aufnahme von Wasser, Phosphor und weiteren Nährstoffen. Im Gegenzug erhält der Pilz Zucker aus der Photosynthese. 80 bis 95 % der Landpflanzen sind auf diese Partnerschaft angewiesen. Sie ist eine zentrale Grundlage funktionierender Waldökosysteme.
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Was unter der Erde passiert
Mykorrhizapilze verbinden sich mit den Wurzeln der Bäume. Damit vergrößern sie die Aufnahmefläche im Boden um ein Vielfaches. Das bedeutet: Wasser sowie Nährstoffe wie Phosphor, Magnesium oder Eisen gelangen auf den bestmöglichen Weg in den Baum. Im Gegenzug liefert der Baum Zucker aus der Photosynthese. Dies ist nur eine Aufgabe der Pilze im Wald.
Die Forschung zeigt zudem: Manche Pilze können Nährstoffe direkt aus abgestorbenem Laub, Nadeln oder Humus lösen. Diese Nährstoffe stecken dort zwar drin, sind für Bäume allein aber oft schwer erreichbar. Leben ein Baum mit so einem Pilz zusammen, hilft ihm der Pilz dabei, an diese „versteckten Vorräte“ heranzukommen. Der Baum bekommt also zusätzliche Nährstoffe, die er ohne den Pilz kaum nutzen könnte. Das ist besonders wichtig auf kargen oder trockenen Standorten. Dort sind frei verfügbare Nährstoffe knapp. Mit einem passenden Pilzpartner hat der Baum einen klaren Vorteil: Er kommt besser durch schwierige Bedingungen.
Für Spaziergänger unsichtbar, entscheidet dieses kleine Kraftwerk in extremen Jahren, z.B. bei großer Trockenheit, über Stabilität oder Ausfall.
Warum das für Waldbesitzer:innen wichtig ist
Nachhaltige Forstwirtschaft bedeutet mehr als Nutzung im Rahmen des Zuwachses. Sie bedeutet, das gesamte System zu verstehen – oberirdisch und unterirdisch.
Die Forschung zeigt:
- Werden Bestände großflächig geräumt, verschwinden spezialisierte Pilzgemeinschaften.
- Ohne natürliche Verjüngung können diese Netzwerke zusammenbrechen.
- Bodenstörungen und intensive Befahrung können das empfindliche Gleichgewicht beeinträchtigen.
Schonende Bewirtschaftungsansätze setzen daher auf Kontinuität: Einzelne Altbäume bleiben beispielsweise stehen, damit das unterirdische Netzwerk erhalten bleibt und an die nächste Baumgeneration weitergegeben wird. Für Waldbesitzer:innen stellt sich damit auch eine neue Dimension der Standortfrage: Nicht nur Baumartenwahl und Bestandesstruktur zählen, auch die Mikroorganismen im Boden werden zum wichtigen Faktor.
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Was das für Erholungssuchende bedeutet
Wer durch einen lichten, naturnah bewirtschafteten Wald geht, sieht Bäume, Strukturen, vielleicht Totholz. Was man nicht sieht: ein hochkomplexes und sensibles Netzwerk aus Pilzen, Wurzeln und Mikroorganismen direkt unter unseren Füßen.
Diese Netzwerke tragen dazu bei, dass:
- Bäume Trockenperioden besser überstehen.
- Bestände stabil bleiben.
- Kohlenstoff im Ökosystem gebunden wird.
- Biodiversität erhalten bleibt.
Gerade weil dieses Leben im Boden so fein verwoben und empfindlich ist, hilft es dem Wald, wenn Wege genutzt und sensible Bereiche nicht betreten werden. So bleibt das unsichtbare Netzwerk intakt und kann weiterhin leisten, was wir alle schätzen: kühle Luft, Stabilität und Erholung. Intakte, klimafitte und resiliente Wälder sind das Ergebnis langfristiger, verantwortungsvoller Bewirtschaftung. Dazu gehört auch ein funktionierendes Leben im Boden.
Den Wald als Gesamtsystem denken
Das BOKU-Projekt MykoResi zeigt auf: Es gibt keine einfache Lösung, die für alles und jeden passt. Standort, Baumartenwahl, Bewirtschaftungsform und Bodenleben greifen ineinander. Wer unsere Wälder zukunftsfit halten will, muss sie als Gesamtsystem verstehen.
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Zum Weiterlesen
Zum Nachlesen
Quellen
- Bundeforschungszentrum für Wald – BFW
- Quelle: Naturschutz – Rund ein Drittel der Waldfläche Österreichs unter Schutz
Rechte & Produktion
© 2022 BFW und waldgeschichten.com – Die österreichischen Familienwaldbetriebe & Österreichischer Forstverein – Unterstützt durch den Holzinformationsfonds der Landwirtschaftskammer Österreich
Redaktion
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